Interview mit Ministerpräsidentin Hannelore Kraft

Der Mensch im Mittelpunkt der Forschung

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft im November 2016 im Interview mit dem Fraunhofer-inHaus-Zentrum.

1.) Welche Stärken offeriert Ihrer Meinung nach der Innovationsstandort NRW bzw. die Forschungslandschaft des Ruhrgebiets?

»Nordrhein-Westfalen hat sich neu erfunden als Land von Wissenschaft, Forschung und Bildung. 1946, als das Land gegründet wurde, gab es in ganz NRW sechs Hochschulen – keine einzige davon im Ruhrgebiet. Inzwischen bietet die „Metropole Ruhr“ die dichteste Hochschullandschaft Europas. Und in ganz NRW haben wir heute  70 Hochschulen und mehr als 50 außeruniversitäre Forschungseinrichtungen – jede mit ihrem eigenen Profil: Von der Grundlagenforschung beim Forschungszentrum in Jülich, bis zur anwendungsorientierten Forschung, bei der die Fraunhofer-Institute für Exzellenz und Weltklasse stehen. Fraunhofer ist im Ruhrgebiet hervorragend vertreten: Vier Institute haben hier ihren Sitz – und das in bester Gesellschaft: drei Max-Planck-Institute, fünf Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft und zehn Institute der Johannes-Rau-Forschungsgemeinschaft haben hier ebenfalls ihren Sitz. Das Dortmunder Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik beispielsweise setzt Standards weit über die Grenzen des Ruhrgebiets hinaus und genießt weltweit einen exzellenten Ruf. Ebenso das Horst-Görtz-Institut für IT-Sicherheit in Bochum, das führende Experten aus den Bereichen Kryptologie und Datensicherheit vereint. Bereits jetzt arbeiten mehr als 700 Forscherinnen und Forscher in diesem Bereich. Längst ist das Ruhrgebiet eine ausgewiesene und profilierte Wissenschaftsregion. Der Strukturwandel, der das Ruhrgebiet besonders getroffen hat, ist hier gelungen. Nordrhein-Westfalen hat in seiner 70-jährigen Geschichte immer wieder gezeigt, dass es Wandel kann. Die Landesregierung fördert die Forschungseinrichtungen aus voller Überzeugung, denn sie stehen für die Zukunft unseres Landes. Alleine im Jahr 2016 investiert NRW 8,2 Milliarden Euro in die Wissenschaft in den Bereichen Ausbildung, Forschung und Entwicklung sowie Wissenstransfer – das sind rund zwölf Prozent des Landeshaushalts. Für 2017 haben wir 8,4 Milliarden Euro geplant, wir legen also nochmal 200 Millionen Euro drauf. Das Ergebnis ist eine Wissenschaftsstruktur, die einmalig in Europa ist und einen entscheidenden Beitrag zum Innovationsgeschehen in Deutschland leistet.«

2.) Auf welchen Gebieten in der Forschung und Entwicklung sehen Sie derzeit noch Nachholbedarf in der Region?

»Die Forschungsprofis in Nordrhein-Westfalen und im Ruhrgebiet setzen längst auf enge Vernetzung. Wissen und Kooperationen gehören bei uns in NRW zusammen – und das fördern wir auch in Zukunft. Blickt man auf die Finanzierung von Forschung und Entwicklung fällt aber auf: Die angesiedelten Wirtschaftsunternehmen in Nordrhein-Westfalen geben weniger Geld für diesen Bereich aus, als es die bayerische oder baden-württembergische Wirtschaft tut. Die Landesregierung hingegen investiert im Vergleich mit den anderen Flächenländern mehr in Hochschulen, Wissenschaft, Forschung und Entwicklung.«

3.) Welche Themen in der Forschungs- und Entwicklungsarbeit werden in NRW künftig eine zentrale Rolle spielen?

»Für die Landesregierung steht der Mensch im Mittelpunkt. Das gilt auch in der Forschungsförderung. In Nordrhein-Westfalen blicken wir daher auf die großen gesellschaftlichen Herausforderungen, wie sie ebenfalls die EU für ihr Forschungsrahmenprogramm  „Horizont 2020“ zur Richtschnur gemacht hat. Es geht um spürbare Verbesserungen – um Fortschritt also, der bei den Menschen ankommt. Ich nenne als Beispiele drei große Themen: Energie, Gesundheit und Digitalisierung. An den NRW-Hochschulen forschen derzeit rund 2.000 international renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an einer sicheren, sauberen und effizienten Energieversorgung. Vorbildlich ist dabei „InnovationCity Ruhr“ in Bottrop. Hier ist es das Ziel, den Energiebedarf in einem Stadtteil mit rund 70.000 Einwohnern um mehr als die Hälfte zu reduzieren und gleichzeitig den Industriestandort mit mehr als 22.000 Arbeitsplätzen zu sichern. Damit machen wir Klimaschutz zum Fortschrittsmotor im Ruhrgebiet: Nach einer Pilotphase in Bottrop werden nun 20 Stadtquartiere im gesamten Ruhrgebiet energetisch modernisiert.

Gesundheit ist ebenfalls ein Thema, das in Nordrhein-Westfalen eine zentrale Rolle spielen wird. Die demografische Entwicklung stellt uns hier vor eine weitere große gesellschaftliche Herausforderung: Niedrige Geburtenraten, die steigende Lebenserwartung der Menschen und der medizinische Fortschritt verändern unsere Lebens- und Arbeitswelt. Erst im Oktober 2015 haben wir den neuen Campus der Hochschule für Gesundheit in Bochum eingeweiht. Ein Forschungsschwerpunkt der Hochschule ist „Gesundheit und Technologie“, denn die fortschreitende Digitalisierung betrifft auch den Gesundheitssektor. Hier wird zum Beispiel an telemedizinischen Verfahren geforscht, die besonders in Zeiten von Haus- und Fachärztemangel zunehmend wichtiger werden.  Und eines ist klar: ohne Digitalisierung wird es in keinem der Zukunftsthemen gehen.  NRW ist hier weit vorne, denn wir haben das früh erkannt und Digitalisierung bereits 2012 zu einem Schwerpunkt unserer Regierungsarbeit gemacht.«

4.) Was verbinden Sie mit der Arbeit von Instituten der Fraunhofer-Gesellschaft in NRW und dem Ruhrgebiet?

»Die 13 Fraunhofer-Institute in Nordrhein-Westfalen haben maßgeblich dazu beigetragen, dass sich NRW zu einem herausragenden Forschungs- und Innovationsstandort gewandelt hat. Sie arbeiten mit Hochdruck daran, unsere Lebenswelt stetig zu verbessern. Über 2.400 Forscherinnen und Forscher arbeiten hier an den Themen der Zukunft – das sind Top-Arbeitsplätze für NRW. Als Landesregierung freuen wir uns besonders über das 14. eigenständige Fraunhofer-Institut in unserem Land: Ab 2017 wird die Fraunhofer-Projektgruppe Mechatronik in Paderborn den Status eines eigenständigen Instituts erhalten. Dazu kommen die zwei geplanten Fraunhofer-Leistungszentren in Dortmund und Oberhausen, in denen Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Wirtschaft gemeinsam an Themen der Zukunft arbeiten. Und die aktuellen Zahlen bestätigen, dass wir hier auf dem richtigen Weg sind: Die Ruhrgebietsstädte wachsen und junge, bestens ausgebildete Leute bleiben hier. Das ist für mich Ausdruck eines starken, modernen und innovativen Landes Nordrhein-Westfalen.«